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31.05.2019 - Peer Leithold (E-Mail schreiben an Peer Leithold)

Von der Pflanze her denken

Die Digitalisierung des Ackerbaus beschäftigt die Landwirtschaft seit Jahren. Neue Produkte etablierter Anbieter und von Start-ups erscheinen gefühlt im Wochentakt. Höhepunkt des „Digitalisierungshypes“ war die diesjährige Internationale Grüne Woche in Berlin; ein weiterer dürfte im November auf der Agritechnica in Hannover folgen. Deutsche Landwirte sind in der Nutzung intelligenter Technologien sicherlich führend in Europa. Allerdings mehren sich die Stimmen, ob denn alles, was angeboten wird, auch sinnvoll ist? Besonderen Ausdruck fand diese Skepsis in einem Fachartikel von DLG-Präsident Hubertus Paetow und in Aussagen des Maschinenbauers Michael Horsch (siehe „Ich will wachrütteln“ in agrarheute 5/2019 ab Seite 48).

Beide berichten aus eigenem Erleben darüber, dass sich ihre Erwartungshaltung an die Digitalisierung nicht oder nur unzureichend erfüllt hat. Sicherlich waren manche Formulierungen ein wenig überspitzt, aber die grundlegende Kritik kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Und trotzdem bin ich überzeugt, dass die Digitalisierung weiter Einzug in die Betriebe halten wird – nämlich genau dort, wo sie sinnvoll ist und nachweislich Nutzen stiftet.

Aktuell gibt es drei Bereiche, in denen Digitalisierung sichtbar wird:

  1. Precision Farming: Das Ziel des teilflächenspezifischen Pflanzenbaus ist es, mit weniger Aufwand mehr zu produzieren, also Betriebsmittel zu sparen, Erträge zu steigern, Umweltwirkungen zu minimieren und Entscheidungsprozesse zu objektivieren.
  2. Automatisierung: Vom Pferd zur Maschine, von mechanisch zu elektrisch, von manuell zu (teil)automatisch und irgendwann zu autonom.
  3. Verwaltung und Abrechnung: Jedes Unternehmen muss Ressourcen verwalten, Prozesse dokumentieren sowie Aufwendungen und Erlöse abrechnen.

Das sind mehrere Paar Schuhe. Jedes einzelne Paar muss passen und idealerweise tauschen diese Bereiche Daten und Informationen reibungsfrei untereinander aus. Das funktioniert bisher leider nicht immer, unter anderem weil einige Marktteilnehmer meinen, sie seien die wichtigsten und alle anderen müssten sich nach ihnen richten. Oder man unterschätzt schlichtweg die Wichtigkeit dieser Thematik. Und so sehen wir heute in der Praxis Landwirte, die von Sensoren im Pflanzenschutz begeistert sind und solche, die eher enttäuscht sind und die Technik in die Ecke stellen. Das ist durchaus normal; es wird Lehrgeld gezahlt. Gegenwärtig läuft ein Selektionsprozess. Nicht alles, was angeboten wurde und wird, erfüllt die Erwartungen der Nutzer. Von einem genaueren Hinsehen und einer selbstkritischen Fehleranalyse können wir alle etwas lernen.

Bisher haben wir den Acker- und Pflanzenbau nach mehr oder weniger bewährten „Kochrezepten“ organisiert. Vergegenwärtigen wir uns aber, dass das Wetter in jedem Jahr anders ist, dass sich Felder untereinander immer wieder unterscheiden, dass statistisch alle 50 m x 50 m die Bodeneigenschaften und alle 20 m x 20 m die Pflanzenzustände wechseln, dann wird deutlich, dass es mit starren Kochrezepten nicht getan sein kann. Jeder, der sich mit mehrjährigen Ertragskarten oder genauen Bonituren auseinandergesetzt hat, kann das bestätigen. Bei der Stickstoffdüngung von 100 ha Winterweizen müssten wir 2.500-mal die Aufwandmenge anpassen, wenn ein optimal ernährter Bestand und die Minimierung von Stickstoffverlusten das Ziel sind. Das lässt sich nicht mit starren Konzepten realisieren.

Precision Farming ist das richtige Reagieren auf diese Unterschiede, soll Umweltrisiken spürbar reduzieren, Managemententscheidungen verbessern, Betriebsleiter und Mitarbeiter entlasten und Sicherheit geben. Der Zugang zu dieser verfeinerten Produktionstechnik ist nur über eine Automatisierung zu schaffen.

Auf den Punkt gebracht:

  • Bei den digitalen Anwendungen findet eine Selektion statt.
  • Durchsetzen wird sich, was dem Landwirt nachweislich nutzt.
  • Verfeinerte Produktionstechnik auf dem Acker geht nur über Automatisierung.
  • Der digitalisierte Pflanzenbau wird kommen.

Vom Kopf auf die Füße

Manch einem mag diese Forderung ungeheuerlich vorkommen, rüttelt sie doch an unserem Selbstbild, dass nur der Landwirt weiß, was richtig ist. Per se ist das allerdings kein Widerspruch, denn die Beobachtungsgabe, das Wissen und die Entscheidung von sehr guten Pflanzenbauern lassen sich für die Automatisierung nutzen. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Bisher war der Markt getrieben von der Verfügbarkeit von Technik oder Software, weniger von der agronomischen Fragestellung oder dem wirtschaftlichen Nutzen. Darum muss Precision Farming jetzt vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Anders ausgedrückt: Wir müssen vom richtigen Ende her denken, der Pflanze. Welche ackerbauliche Anwendung will ich verbessern? Welche agronomischen Informationen brauche ich dazu? Nach welchen Regeln muss ich diese anwenden? Das alles sind zunächst ackerbauliche Fragen.

Aber es geht noch weiter: Was kommt pflanzenbaulich und wirtschaftlich dabei heraus? Das können höhere Erträge sein, weniger Betriebsmittel, eine positive Umweltwirkung oder mehr Sicherheit. Erst ganz am Ende steht die Technikfrage: Welche Technologien werden benötigt? Was kosten sie? Rechnen sie sich?

Das sind die Erfolgsfaktoren

In der digitalen Welt werden alle Informationen, die für eine pflanzenbauliche Entscheidung gebraucht werden, in agronomische Regeln übersetzt, sogenannte Algorithmen. Ein Algorithmus ist hier also nichts weiter als ein Bündel von guten agronomischen Regeln, die das beste verfügbare Know-how zu diesem Thema zusammenfassen – quasi der beste Stand der Agrarwissenschaften.

An dieser Stelle verlassen die meisten Anbieter das Spielfeld. Sie meinen, der Landwirt werde schon wissen, wie es geht. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild. Jeder Landwirt sollte diese Regeln kennen, verstehen und bereit sein, danach zu handeln. Und er muss wissen, welchen Geltungsbereich eine Regel hat, das heißt, ab wann er die Regel unter Umständen auch wieder außer Kraft setzen sollte. Die Güte einer Regel wird in Großfeldversuchen getestet. Steht der Anbieter solch einer digitalen Anwendung in regelmäßigem und direktem Kontakt mit den Anwendern, erhält er genug Feedback, um die Algorithmen stetig zu verbessern. Erhält der Nutzer regelmäßige Updates, nimmt er am Erkenntnisgewinn teil. Wenn ein Nutzer sich jedoch die Hassliebe zum Datenmanagement nicht überwinden kann, sollte er von der Digitalisierung am besten die Finger lassen. Beim Precision Farming entstehen gewaltige Mengen an Daten. Da geht es schlichtweg nicht ohne Datenmanagement. Kostengünstig lassen sie sich nur in der Cloud verwalten. Datenschutz und Datensicherheit können in der Regel von jedem Anbieter garantiert werden. Als Nutzer sollten Sie sich jedoch eine entscheidende Frage stellen: Könnte der Anbieter ein weiteres wirtschaftliches Interesse haben, meine Betriebsdaten für andere Zwecke zu nutzen?

Damit eine Precision-Farming-Lösung vernünftig funktioniert und der Anwender gern und erfolgreich in der Praxis damit arbeitet, müssen nach meiner langjährigen Erfahrung robuste Informationstechnologien, gute Agronomie, geschmeidiges Datenmanagement und eine umfassende Einführungsberatung zusammenkommen.

Schrittweise vorgehen

Denken Sie sich Precision Farming als System! Schrittweise werden Sie alle acker- und pflanzenbaulichen Prozesse auf digitale Verfahren umstellen. Beginnen Sie irgendwo mit dem ersten Verfahren. Ist es erfolgreich, gehen Sie zum zweiten Verfahren und so weiter und so fort. Am Ende steht ein komplett oder teilweise digitalisierter Pflanzenbau. Die Chancen sind groß, die Risiken, bei vernünftiger Herangehensweise, überschaubar. Ein Entkommen aus dem Dilemma, effizient und kostengünstig unter deutschen Bedingungen zu produzieren und den manchmal ins Unermessliche steigenden Umweltauflagen zu genügen, wird nur mit digitalen Produktionsweisen gelingen.

 

Lassen Sie sich unterstützen

Die Einführung digitaler Produktionsverfahren in den landwirtschaftlichen Betrieb stellt jeden Betriebsleiter vor große Herausforderungen. So ein Verfahren ändert den Managementprozess grundlegend. Zu glauben, dass dies im „Do it yourself“- Modus funktionieren kann, ist eine große Illusion. Die Werbung verspricht das zwar, doch leider geht das an der Realität vorbei.

In der Industrie käme niemand auf die Idee, ohne Beratung auf digitale Verfahren umzustellen. Und auch wer einen Stall baut oder ein Haus saniert, zieht einen Architekten oder Bausachverständigen hinzu. Es ist dringend geboten, den Umstellungsprozess auch im landwirtschaftlichen Betrieb durch externe Spezialisten zu begleiten. Dazu gehören die grundlegende theoretische Ausbildung, die Implementierung und die Beratung vor Ort. So wird sichergestellt, dass die Verfahren schon im ersten Jahr ihre positive Wirkung entfalten. Anfängerfehler werden vermieden.

Es macht doch Sinn, von den Fehlern anderer zu lernen, diese am besten zu vermeiden und schnellstmöglich die volle Nennleistung des Verfahrens vollständig zu nutzen. Und dabei geht es nicht nur um Sie als Betriebsleiter. Die Ausbildung muss Ihre Mitarbeiter einschließen, denn niemand ist näher an der Anwendung, näher am Produktionsprozess, als derjenige, der auf dem Feld arbeitet. Da es (noch) keine Berufsausbildung im Precision Farming gibt, müssen Sie dafür sorgen, dass Ihre Mitarbeiter qualifiziert werden. Besuchen Sie gemeinsam mit Ihnen Seminare, schicken Sie sie auf eine Weiterbildung!
 

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