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15.01.2019

Tradition und Moderne

Der Blick nach Süden reicht weit über die geschwungenen Felder hinweg bis zu den Hochlagen des Erzgebirges. Wendet man den Blick nach Nordwesten, kann man in der Ferne gerade noch das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig erkennen und das ist vom nördlichen Rand des Erzgebirges immerhin mehr als 100 km entfernt. Wir sind in Großwaltersdorf im Landkreis Mittelsachsen. Hier bewirtschaftet der Landwirt und Lohnunternehmer Andreas Steier rund 280 ha eigenes Ackerland sowie weitere 600 ha für zwei Kunden des angegliederten Lohnunternehmens. Wir treffen ihn dort, wo er am liebsten ist: auf dem Acker! Es ist Herbst, die Getreideernte ist längst eingefahren und auch die Maisernte ist gelaufen.

Andreas Steier ist auf seinen Schlägen unterwegs, um zu schauen, wie der Raps aufgelaufen ist und wie es um die Zwischenfrüchte, wie in diesem Fall die Phacelia, steht. Auch zu den Zwischenfrüchten pflegt er ein fast schon liebevolles Verhältnis, befühlt die Pflanzen, riecht an ihnen, lockert mit dem Spaten den Boden, um einen Blick auf die Wurzeln zu werfen. Wie alle von Steier angebauten Kulturen gibt ihm auch das Wachstum der Phacelia Aufschluss darüber, wie es um die Qualität seiner Böden bestellt ist.

Andreas Steier ist zufrieden! Obwohl die Dürre 2018 auch vor der Erzgebirgsregion nicht Halt gemacht hat, waren seine Ernterückgänge überschaubar. „Uns fehlten ungefähr 300 l Niederschlag, trotzdem haben wir nur 10 % weniger geerntet“, erläutert Andreas Steier Die Ursache für die Ernterückgänge beim Raps führt er auch nicht nur auf den fehlenden Regen zurück, sondern vor allem auf die extreme Kälte im Februar und März dieses Jahres.

 

N-Sensor: Messen, rechnen, düngen: Mit Hilfe des auf dem Schlepperdach montierten N-Sensors wird der Düngebedarf ermittelt.

Foto: LU Steier


Anspruchsvolle Böden

Die Böden, die Andreas Steier für seine Kunden und sich selbst bewirtschaftet, sind anspruchsvoll. Die Flächen befinden sich durchschnittlich auf 510 Höhenmetern, die sandig, lehmigen Verwitterungsböden weisen eine sehr hohe Steinigkeit auf. „Wir kommen hier auf 35 Bodenpunkte“, sagt Steier. Um die Erträge zu steigern, bedarf es besonderer Aufmerksamkeit. Die hat der Landwirt und Lohnunternehmer seinen Böden, aber auch den Flächen seiner Kunden seit über zehn Jahren auf sehr intensive Art und Weise zuteilwerden lassen. Besonders haben es Steier die Möglichkeiten des Precision Farming angetan. Um diese Möglichkeiten in ihrer gesamten Bandbreite nutzen zu können, bedurfte es zunächst einer Analyse der Böden. Dafür wurden bereits 2007 eine Standortinventur durchgeführt, die ein Scannen aller Schläge mit einem EM38 Bodenscanner beinhaltete. Im Anschluß daran erfolgte eine Einteilung der Schläge in Probeentnahmezonen sowie die GPS-gestützte Entnahme von Bodenproben durch die Firma Agricon.

Auf Basis der anschließenden Analysen wurde ein Fruchtfolge- und Düngeplan sowie elektronische Streukarten für die jeweiligen Schläge erstellt. Auf Grundlage der Streukarten konnte Andreas Steier eine punktgenaue Düngung durchführen und so eine bedarfsgerechte Grundnährstoffversorgung gewährleisten. Nach vier Jahren hat dieses jährlich wiederholte Prozedere erste Wirkung gezeigt. Nach acht Jahren haben die jährlich durchgeführten Analysen schließlich eine fast ausgeglichene Grundnährstoffversorgung seiner Flächen ergeben. „Damit wurde zugleich die Grundlage dafür gelegt, die Möglichkeiten des Precision Farming effektiver auszunutzen“, erläutert Andreas Steier. Diese Möglichkeiten entwickeln sich kontinuierlich weiter. Um sich nicht nur auf die variable Grundnährstoffversorgung zu verlassen, investierte Andreas Steier bereits 2010 in einen N-Sensor ALS von Yara.

 

Nutzt die Möglichkeiten des Precision Farming: Der sächsische Landwirt und Lohnunternehmer Andreas Steier.

Foto: Stephan Keppler

 


Stickstoffversorgung ermitteln

Das System ermöglicht es, den Stickstoff-Versorgungszustand eines Bestandes schnell und mit hoher räumlicher Auflösung zu erfassen. Daraus wird die benötigte Düngermenge für die jeweilige Teilfläche eines Schlages während der Überfahrt ermittelt und zeitgleich variabel ausgebracht.

Parallel dazu arbeitet Steier auch mit dem N-Tester. Dieses ebenfalls von Yara stammenden Gerät misst die Chlorophyll-Konzentration im Getreideblatt. Diese hängt vom Stickstoff-Gehalt der Pflanze ab. Die Messung ist direkt im Feld an mindestens 30 repräsentativ über den Schlag zufällig ausgewählten Pflanzen vorgenommen. Aus diesen Messwerten ermittelt das Gerät einen Mittelwert, von dem auf den Stickstoff-Düngebedarf der Pflanzen geschlossen wird. Eine Ableitung einer Düngeempfehlung ist jedoch nur möglich, wenn kein anderer Nährstoff im Mangel ist und dadurch das Pflanzen-Wachstum beeinflusst. Durch Nutzung des N-Testers in Verbindung mit dem dazugehörenden N-Monitoring lässt sich der optimale Düngezeitpunkt deutlich präziser bestimmen und dadurch die Stickstoffdüngung insgesamt effektiver gestalten.

 

Präzise Analyse

Wie genau funktioniert der N-Sensor? Das System misst und analysiert das vom Pflanzenbestand reflektierte Sonnenlicht. Durch einen zusätzlichen Sensor, der das einfallende Sonnenlicht misst, werden unterschiedliche Lichtverhältnisse kompensiert. Das ist notwendig, um auch bei wechselnden Lichtverhältnissen verlässliche Messungen zu erhalten. Das über die Aufnahme erfasste Licht wird mit Hilfe eines Spektrometers analysiert. Die so erfassten Messwerte werden zusammen mit der jeweiligen GPS-Position auf einer Datenkarte gespeichert auf deren Basis die jeweiligen Stickstoffgaben ausgebracht werden. Klingt in der Theorie gar nicht so kompliziert, gestaltet sich in der Praxis nicht ganz so einfach. „Die Arbeit mit dem N-Sensor erfolgreich in die Betriebsabläufe zu integrieren, setzt ein Verständnis der Funktionsweise und der Arbeitsprozesse bei den Mitarbeitern voraus“, sagt Andreas Steier.

Er hat das System über die Jahre schrittweise eingeführt, um seine Mitarbeiter und sich selbst nicht zu überfordern. Diese behutsame Herangehensweise war aus seiner Sicht richtig. Die Mitarbeiter hatten so ausreichend Zeit in die neue Technik hineinzuwachsen. Und sie konnten spüren, dass sie nicht einfach nur Bediener der Technik sind, sondern durch die Art und Weise ihrer Bedienung entscheidenden Anteil am Erfolg dieser Technologie haben.

 

Baustein im Gesamtkonzept: Für seine Getreidekulturen nutzt Steier auch den N-Tester zur Düngebedarfsermittlung.


Herbstscan von Raps und Getreide

Bereits im Herbst nehmen die Kulturen einen beträchtlichen Teil des Stickstoffs aus dem Boden auf. Die Wachstumsprozesse unterliegen dabei verschiedenen Einflüssen wie Witterung, Bodenzustand/Bodengüte und Nährstoff – und Wasserverfügbarkeit. Schwankungen in den N-Aufnahme sind nicht nur optisch wahrnehmbar, sondern auch messbar. Hier kommt der N-Sensor ins Spiel. Mittels Überfahrt wird der die N-Aufnahme der Kulturen gemessen, diese kann bei Raps in Größenordnungen zwischen 35-150 kgN/ha schwanken! Auch bei Wintergerste sind Schwankungen von 15–50 kgN/ha keine Seltenheit. Diese Messwerte werden gespeichert und dienen als Grundlage für die variable Stickstoffdüngung im Frühjahr. Bei der anschließenden Erstellung von N-Streukarten wird die im Herbst aufgenommene Stickstoffmenge berücksichtigt, was aus agronomischen Gesichtspunkten für die Frühjahrsdüngung von großer Bedeutung ist und eine standortangepasste (variable) N-Düngung ermöglicht.

Stimmiges Gesamtkonzept

Der N-Sensor ist zwar ein entscheidender Baustein im Gesamtkonzept, aber die volle Wirkung lässt sich erst realisieren, wenn auch alle anderen Bausteine passen. Dazu gehört auch ein leistungsfähiges Datenmanagement. Hier setzt Andreas Steier auf das webbasierte Datenportal Agriport. Mit diesem Programm werden alle vom N-Sensor erfassten Daten sowie alle Daten rund um die Düngungen verarbeitet und archiviert. Dadurch ist eine präzise Erfolgskontrolle möglich.

Um präzise düngen und ernten zu können, ist auch eine präzise Fahrweise auf den Äckern erforderlich. Um dies zu gewährleisten, setzt er bei den Schleppern und Mähdreschern auf Lenksystemtechnik „Green Star“ des Herstellers John Deere. „Das exakte Anschlussfahren beim Mähdrusch ist auch Grundlage für ein effektives Beetmanagement, welches höhere Druschleistungen ermöglicht. Zudem ist eine zeitgleiche Ertragskartierung möglich, die wir für die Erfolgskontrolle sowie zum nachjustieren für spätere Düngegaben nutzen“, erklärt Andreas Steier.

 

Den richtigen Düngezeitpunkt ermitteln: Das N-Monitoring unterstützt dabei und macht die Daten zugleich übersichtlich.


Gestiegene Durchschnittserträge

Die Investition in die neue Technik und der enorme Aufwand bei deren Einführung haben sich für Andreas Steier gelohnt: Die Durchschnittserträge sind über die Jahre leicht angestiegen und haben sich in allen Kulturen insgesamt stabiler entwickelt. Vor allem aber freute sich Steier über die signifikante Düngereinsparung. Weil der Dünger variabel, und somit zielgerichteter verteilt wird, muss insgesamt weniger Dünger auf die Felder. „Pro Jahr und Hektar sparen wir zwischen drei und 22 kg Stickstoffdünger ein. Das sind bis zu 25 % weniger“, rechnet er vor. Ein weiterer Vorteil: Durch die bedarfsgerechte Düngung sind die Bestände insgesamt homogener. Lager in den Beständen gehört der Vergangenheit an. Das wiederum führt zu einer deutlich besseren Druscheignung und Nachtdruscheignung der Kulturen. Letzteres ist für Andreas Steier ein wesentlicher Faktor: „Die Erntefenster sind in unserer Region deutlich kürzer als im Flachland. Selten beginnt die Druschfruchternte vor dem 15. Juli und sie zieht sich im Mittel der Jahre oftmals bis Ende August hin.“

Last but not least sei auch die Qualität in allen Kulturen spürbar gestiegen. Auch das ist für Steier ein zentrales Erfolgskriterium seiner Strategie. Neben Raps und Winterweizen, die in diesem Jahr rund die Hälfte seiner Gesamtfläche ausgemacht haben, baut Steier Hafer, Sommergerste, Wintergerste und Ackerbohnen an. Das Getreide wird an verschiedene Mälzereien sowie andere Bereiche der Lebensmittelindustrie vermarktet. Hier sind die Qualitätsanforderungen besonders hoch.

 

Überzeugende Argumente

Mit den nachhaltigen Erfolgen auf den eigenen Flächen konnte Steier auch seine beiden Kunden von den Möglichkeiten der N-Sensor-Technik überzeugen. „Das war anfangs gar nicht so einfach, schließlich muss die Technik auch bezahlt werden“, erinnert sich Steier. Aber er hat als Landwirt geliefert, was er jetzt als Lohnunternehmer verspricht. Aktuell aber nur für seine beiden Stammkunden. Sollte die Nachfrage weiter steigen, kann sich der Lohnunternehmer Steier durchaus vorstellen, in einen zweiten N-Sensor zu investieren. Aber das ist momentan noch Zukunftsmusik.

Trotz Precision Farming hat Steier aber auch die Basics nicht aus den Augen verloren. „Man sollte sich trotz des Vertrauens in die Technik seine eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen nicht ausklammern“, sagt Steiner. „Als Landwirt bin ich regelmäßig auf meinen Flächen unterwegs und sehe, was sich in den jeweiligen Kulturen tut.“ So wie an diesem Herbsttag auf dem Phacelia-Feld mit dem grandiosen Fernblick bis zum Völkerschlachtdenkmal.

 

Der Originalartikel wurde im Dezember 2018 in der Zeitschrift LOHNUNTERNEHMEN veröffentlicht.

 

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