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23.03.2019

Neues Verfahren spart nicht nur Geld

Wer sich für moderne Landwirtschaft interessiert, braucht nicht weit zu fahren, um sie erleben zu können. Im beschaulichen Jahna befasst sich die Firma Agricon seit über 20 Jahren mit digitalem Pflanzenbau. Mit einem Bild veranschaulicht Geschäftsführer Peer Leithold, um was es ihm und seinem Team geht. "Stellen Sie sich an der B 169 an ein Feld. Was sehen Sie? Auf den ersten Blick vermutlich Pflanzen, die alle gleich aussehen. Schaut man jedoch genauer in einzelne Teilflächen oder in die Pflanzen hinein, stellt man fest, dass es Millionen von unterschiedlichen Zuständen gibt", sagt Peer Leithold. "Diese vielen Variationen kann ein Mensch nicht mehr erfassen. Wenn wir effizienter und umweltschonender produzieren wollen, müssen wir die Produktionsprozesse in der Landwirtschaft automatisieren", so der Firmengründer. Für die Automatisierung müssen Regeln erstellt werden, in diesem Fall pflanzenbauliche Regeln. Präzisionslandwirtschaft (Precision Farming) ist demnach nichts anderes als regelbasierter Pflanzenbau.

Damit diese Regeln von Landwirten genutzt werden können, hat Agricon gemeinsam mit Partnerunternehmen Sensoren entwickelt, die auf dem Dach eines Schleppers montiert werden. Der Sensor analysiert anhand von Wellenlängen. Dadurch kann der Chlorophyllgehalt der Pflanzenbestände gemessen werden. "Unsere Vorväter haben die Pflanzen früher ebenfalls in Augenschein genommen und anhand ihrer Analysen und Erfahrungen den Dünger ausgebracht", so Leithold. Der Mensch kann dies jedoch nicht so präzise wie die Technik. "Wir können mit der Sensorik auf zwei Kilogramm Stickstoff pro Hektar genau messen. Ein geübtes Auge kann das auf etwa 30 Kilogramm Stickstoff auflösen", sagt der studierte Agraringenieur. Die Sensorik produziert im Sekundentakt Informationen, trifft Entscheidungen und gibt Anweisungen zu deren Umsetzung. "Der regelbasierte Pflanzenbau führt zu besseren Ernteergebnissen - bessere, als sie unsere Väter je erreicht haben. Zusätzlich schützen wir die Umwelt, da nur so viel gedüngt wird, wie die Pflanzen benötigen."

 

Agricon-Geschäftsführer Peer Leithold (rechts) und Kundendienstleiter Florian Findeisen zeigen ein Sensormodul, das aktuell in der Firma produziert wird. Foto: Dietmar Thomas

 

Oftmals ist weniger auch mehr

1997 begann die Firma auf dem Gebiet der Pflanzenernährung. Stickstoff ist dabei besonders wichtig, aber auch Kalk, Phosphor, Kalium und Magnesium. 2007 kam der Pflanzenschutz dazu. "Und das letzte große Verfahren, an das wir uns herangetraut haben, ist die Ausbringung von Fungiziden, also Mitteln gegen Pilzen. Einfach gesagt: die Pflanzen werden vor Schimmel geschützt. Daran hat sich weltweit noch niemand getraut, weil sich ganz schnell eine Resistenz entwickelt", sagt Leithold. Die Natur vertrage keine absolute Sauberkeit, alles könne man nicht wegmachen. Die Methode, möglichst viel einzusetzen, um den Befall der Pflanzen sicher zu vermeiden, führt dazu, dass intensiv gespritzt wird. Irgendwann kommt die wirtschaftliche Komponente ins Spiel, denn die Mittel sind auch teuer. Oftmals ist aber weniger auch mehr.

Im vergangenen Jahr wurde eine Versuchsserie abgeschlossen. "Wir sind auch von unseren Kunden gebeten worden, diese Versuche zu starten", so Leithold. Mit einem Partner aus der Industrie wurden 79 Versuche auf 3.240 Hektar in 21 Betrieben in Deutschland, Frankreich und England gestartet. Drei Viertel der Versuche waren wissenschaftlich belastbar. Und sie zeigten, dass eine Anpassung der Fungizide großes Einsparpotenzial birgt, und dass ein großer Beitrag zur Resistenzvermeidung geleistet wird. Nicht zu vergessen ist der Schutz der Umwelt. Es ist die größte geschlossene Versuchserie der Welt, die so sauber durchgeführt wurde. Im vergangenen Jahr wurden die Ergebnisse erstmals publiziert. "Jetzt sind wir dabei, es den Kunden anzubieten. Die Mitteleinsparung liegt bei etwa 15 Prozent, was sich in einer Summe von durchschnittlich 45 Euro pro Hektar ausdrücken lässt", erklärt Leithold.

Technik kann den Mensch nicht ersetzen

Überall dort, wo Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, kann die Technik aus Mittelachsen wirkungsvoll genutzt werden. Trotz aller Technik sei der Mensch aber nicht zu ersetzen. "Die Aussage, mit der Digitalisierung werden in der Landwirtschaft alle arbeitslos, hat mit der Realität nichts zu tun", so Leithold. Vielmehr sei es so, dass der Rückgang von Arbeitskräften durch die moderne Technik abgefedert werde.

Die Sensoren werden seit einigen Jahren nur noch mit Fernwartung ausgeliefert. "So können wir uns auf die Systeme aufschalten und gemeinsam mit dem Landwirt die Fehlerquelle beseitigen", sagt Peer Leithold, der den Umsatz seiner Firma mit etwa sechs Millionen Euro pro Jahr angibt. Die Geräte sind vorwiegend in Deutschland im Einsatz. Im Ackerbau sollte der Betrieb eine gewisse Größe haben, um die digitalen Werkzeuge effektiv einsetzen zu können. "Wir halten das ab einer Größe von etwa 150 Hektar für lohnenswert", so Leithold. Vor zehn Jahren ist die Firma auch international geworden. In Österreich, Ungarn, Serbien, Moldawien, Rumänien, Polen, den baltischen Staaten und der Ukraine hat sie Geschäftspartner.

ph-Wert-Sensorik

Gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Meinsberg, welches sich auf Messtechnik für Umweltsensorik spezialisiert hat, arbeitet Agricon nun an der nächsten landwirtschaftlichen Innovation: der sensorgestützten Messung des pH-Wertes im Boden. Für die Bodenfruchtbarkeit ist der pH-Wert neben der Bodenart und der organischen Substanz wichtig. Bisher müssen die Proben aufwendig im Labor analysiert werden. "Ziel ist es, direkt auf dem Feld die pH-Werte im Boden zu messen", so Peer Leithold. Dabei sei man bereits große Schritte vorangekommen. Vorteil der Methode der "Online-ph-Sensorik" wird es sein, dass Proben direkt vor Ort analysiert werden und die Ergebnisse ad hoc zur weiteren Optimierung des Pflanzenbaus vorliegen.

 

Dieser Artikel erschien in der Wochenendausgabe 23./24. März 2019 der Sächsischen Zeitung.

 

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